Dÿse und "Wiedergeburt": Subkultur als Motor
26.09.2021 | Marco Kampe

Dÿse treiben bereits seit geraumer Zeit ihr Unwesen, pflegen dabei jedoch ein gemütliches Nischendasein. Dass die Subkultur der schnurrende Motor für Innovation und Fortschritt ist, dürfte unter Musikliebenden Konsens sein. Dass man jedoch fernab von jedwedem Erfolgsdruck derart überraschende Arrangements liefert, ist hingegen durchaus eine nähergehende Abhandlung wert.
„Alles ist meins“ wurde berechtigterweise vorab ausgekoppelt und markiert schnurstracks den Zenit des Langspielers. Offen geäußerte Gesellschaftskritik, die es sich irgendwo zwischen den Ärzten und Rage Against The Machine wohnlich einrichtet. In diesem Moment erscheint es nur logisch, dass man für Erstere bereits Supportslots mit Leben füllen durfte. Bei „8990“ wirkt es zunächst so, als habe man ein Sample aus Rammsteins „Deutschland“ entwendet. Doch selbst wenn es so sein sollte, handelt es sich um einen gelungenen Track, der sich aus eigener Kraft von etwaigen Vorwürfen des Abkupferns befreit. Kämpferische Attitüde, vehement vorgetragen. Der „Ameisenhandschuh“ wirkt im Folgenden wie ein unheilvoller Befreiungsschlag gegen die ureigenen Dämonen der Persönlichkeit. Von der bisherigen Überzeugungskraft ist auch „Kuttenwurz“ geprägt. Gediegen meint hier weniger die stilistische Form einer Ballade, sondern vielmehr eine geradlinigere Struktur, als es bei allen weiteren Songs der Fall ist. Auf „Laicos Neidem“ erwächst aus der anfänglichen Voodoo-Beschwörung ein knochenberstender Zerstörer. Der Song hat Seltenheitswert, lyrisch wie auch musikalisch. Mantraartige Autosuggestion kanalisiert die vorhandene Energie, was sich auch auf „Der Haifisch die Zähne“ fortsetzt. Für eine moderne Verneigung vor der Moritat von Mackie Messer ist der Song sicherlich nur bedingt geeignet, dafür transportieren Dÿse ein zweisprachiges Kraftbündel mit Interpretationsspielraum.
Hätte man sich ohne diese Album wohl je die Frage gestellt, was es wohl mit einer „Prärieauster“ auf sich hat? Hoffentlich nicht. In Zeiten des WWW-Neulandes stößt man auf höchst fragwürdige Getränkeempfehlungen, doch um diese soll es hier nicht gehen. Das Duo schmettert einen weiteren Brocken durch die heimischen Tieftöner, den es erst zu verdauen gilt. „Hudabb“ reiht sich in den munteren Reigen geheimnisvoller Songtitel ein und startet vergleichsweise behutsam. A-Capella und wohl dosiertes Geschrei, ein abrupt endender Taktschlag und erneut unbändige Energie: So setzt sich die ausgewogene Rezeptur zusammen. „Ich allein gegen euch alle“ ist abschließend der rebellische, ein wenig pubertäre Song eines Teenagers - stampfend, treibend und folgerichtig der kürzeste Track.
In Summe macht das ostdeutsche Konglomerat einen hellwachen, ja vor Elan überbordenden Eindruck. Die breite Masse wird man hiermit nicht anlocken, doch das ist ganz offensichtlich auch nicht das Ziel.
Wertung
Noise-Rock ist für mich eher fordernd denn erfüllend. Und doch kann und muss ich anerkennen, dass „Widergeburt“ künstlerischen Anspruch nicht nur in Pressetexten transportiert, sondern spürbar vorlebt.
Marco Kampe
Der vormalige Fokus auf verzerrte E-Gitarren ist bei Marco einem übergeordneten Interesse an der Musikwelt gewichen. Die Wurzeln bleiben bestehen, die Sprossen wachsen in (fast) sämtliche Richtungen. Darüber hinaus bedient er gerne die Herdplatten oder schnürt sich die Laufschuhe.